Grönland
Sankt Augustin. Letzten Sonntag. Ein Grad. Draußen. Geht doch. Drinnen an der Heizung sitzend wohltuende 22 Grad. Da lassen sich Pläne für ein Outdoorerlebnis schmieden. Bei einer Tasse heißen Tee und ein wenig Gebäck vom Vorjahr. Die Straßen trocken, salzfrei, sauber wie das Gewissen eines Berufspolitikers am Wahlabend. Schneiderkalt. Diese spezielle Form von Kälte, die nicht wehtut, sondern beleidigt. Ich stand in der Einfahrt, sah meinen Atem und dachte an Grönland. An Weite, Eis, Haltung. An Zeichen. Man muss ja Zeichen setzen, gerade in diesen Zeiten. Ich dachte an Trump, der vermutlich irgendwo in einer beheizten Ecke des Oval-Office sitzt und das tut, was er am besten kann: An nichts denken. Ich hingegen dachte an die frierenden Menschen in der Ukraine, an die Grönländer, die im Moment gar nicht wissen, ob sie nächstes Jahr noch einen Iglu ihr Eigen nennen dürfen und war mir ziemlich sicher: Wenn jetzt jemand Motorrad fährt, dann bin ich das. Solidarität hat viele Gesichter, meines würde in wenigen Minuten in einem Sturmhauben-Zwiebellook stecken.
Außerdem – und das war natürlich der entscheidende Grund – waren meine Motorräder seit Wochen nicht bewegt worden. Maschinen leiden still. Und ich auch. Also Schichten. Unterwäsche, darüber etwas Vernünftiges, dann noch was Vernünftiges, darüber etwas mit Reißverschluss, darüber etwas mit Haltung. Drei Paar Handschuhe übereinander, weil nur zwei Paar ein wenig zu optimistisch gewesen wären. Helm auf, Klappe runter, Moral auf Anschlag. Ich sah aus wie ein eingemümmelter Eskimo, der sich mit seinem Hundeschlitten durchs ewige Eis schiebt, ich nur mit einem verbeulten Schuberth C3 auf der Rübe als einzigem Unterschied.
Erster Stopp: Aral in Oberpleis. Ein Leuchtturm der Zivilisation. Der Tankwart sah mich an wie jemanden, der entweder sehr konsequent oder sehr falsch abgebogen war, oder sich vom Eisplaneten Uranus auf die Erde verirrt hatte. Ich tankte, demonstrativ länger als sonst, was aber eher an meinen eingefrorenen Gliedmaßen lag, sah in mich bemitleidende Gesichter, Augenkontakt auch etwas länger als üblich. Dass ich anfing, mein Vorhaben zu bereuen, ignorierte ich - noch. Es galt, ein Zeichen setzen. Ein Statement.
Für was, wurde mir bei der Weiterfahrt allmählich egal, denn die Kälte setzte mir zu. Trotzdem: Weiter in Richtung Eitorf. Der Ausdruck „Zähne zusammenbeißen“ bekam für mich eine andere Bedeutung. Ich würde froh sein, wenn ich die angefrorenen und in die Jahre gekommenen Dinger noch auseinander bekäme. Die Landschaft sah aus wie immer, nur kälter, ehrlicher, ein bisschen nordisch. Die Eisberge fehlten, aber da: Kinder hatten auf einer Wiese einen Iglu gebaut! Endlich. Ein Zeichen der Solidarität. Soll noch mal jemand sagen, die Menschen im östlichen Rhein-Sieg-Kreis hätten kein Gespür für das, was in der Welt so vor sich geht.
Der Iglu war eine misslungene Mischung aus Schneemann, Gartenhäuschen und einem ambitionierten, aber gescheiterten Architekturprojekt kurz nach dem dritten Kakao. Vermutlich hatte der Vater, wahrscheinlich ein Stadtplaner im Dienste der Gemeinde Eitorf, tatkräftig mitgeholfen. Kein Eis, kein Schnee im klassischen Sinne, eher gefrorener Matsch, festgetretene Hoffnung und das unbeirrbare Vertrauen von Kindern, dass man mit genug Wille und wenig Physik alles bauen kann
Ich fühlte mich wie ein zweiradmotorisierter Agent des Westens auf geheimer Mission in östlichen Gefilden.
Die Sieg entlang zurück. Romantisch. Friedlich. Ich hatte nicht bedacht, dass „Bergisches Land“ keine poetische Metapher, sondern eine geografische Drohung ist. Die Temperaturen sanken unauffällig, fast hinterhältig. Mein Bordthermometer zeigte fünf Grad an. Die vier digitalen Anzeigen an meinem Körper – Finger links, Finger rechts, Zehen links, Zehen rechts – zeigten etwas völlig anderes. Ich wusste, sie waren da, aber irgendwo zwischen „außer Betrieb“ und „Suche läuft“.
Es war diese Phase, in der man nicht mehr friert, sondern verhandelt. Mit sich. Mit Gott. Mit der Physik. Ich versprach mir selbst, nie wieder groß über Grönland nachzudenken. Ich versprach Solidarität künftig im Warmen zu empfinden. Aber ich setzte weiter Zeichen, Kilometer für Kilometer, bis ich irgendwann wieder in Sankt Augustin ankommen sollte, so hoffte ich jedenfalls.
Die üblich gewordenen digitalen Anzeigen an den diversen Kreditinstituten hingegen – jene kleinen volkswirtschaftlichen Orakel über den Filialtüren, die einem die Temperatur anzeigten, die Uhrzeit, das Datum, die Börsenkurse und das Körpergewicht, – zeigen irgendetwas zwischen minus eins und minus drei Grad an.
Typisch, alle kaputt. Denn mein Bordthermometer zeigte weiter fünf Grad an. Verlässlich. Stoisch. Vertrauenswürdig wie ein Schweizer Uhrwerk mit Benzinanschluss.
Aber immerhin: Das ist natürlich kein Versäumnis. Ich hatte die fehlerhaften digitalen Angaben unserer zuverlässigen deutschen Kreditinstitute (Gelsenkirchen ist da nur eine Ausnahme) einem ersten Impuls folgend nur falsch verstanden. Das ist Wirtschaftsförderung. Denn verwirrte Kunden kaufen mehr. „Jetzt Thermosocken im Angebot – wirken auch bei Minusgraden. Gleich kaufen, beim Action um die Ecke.“
Wie üblich trödelt die Postbank bei der Nachrüstung mit digitalen Anzeigen ein wenig hinterher. Vor kurzem hatte die Postbank noch 150.000 Rechenschieber aus Holz in Nordkorea gekauft. Globalisierung muss ja auch Vorteile haben.Die letzten Reste heldenhaften deutschen Beamtentums, eingefroren irgendwo zwischen Durchschlagpapier und Amtsschimmel.
Froh, dass mein Bordthermometer exakt funktioniert und offensichtlich der letzte funktionierende Sensor östlich des Rheins ist, fahre ich also weiter. Überall Autos mit „Help Ukraine“-Aufklebern, manchmal sogar kleine eingefrorene Fähnchen. Fahrstil? Vorhanden - manchmal. Moral? Wenn man so will. Aber selektiv. Wo ist Grönland? Wo Minnesota? Wo die Uiguren? Wo Taiwan? Und wo – verdammt noch mal – sind die Holländer?
Solidarität ist wie ein Sonderangebot: zeitlich begrenzt, regional verfügbar und nur solange der Vorrat reicht.
Ich friere weiter wie ein Schneider. Was für eine Scheißidee.
Links und rechts sehe ich Frost an den Bäumen, diese feinen weißen Hinweise darauf, dass Naturgesetze keine politischen Debatten kennen. Mein Bordthermometer verharrt weiter unbeirrbar bei fünf Grad. Eine angelsächsische Haltung in digitaler Form. Während deutsche Banken minus zwei behaupteten, Bäume minus fünf schrien und mein Körper irgendwo bei „machen wir nicht mehr mit“ angekommen war, blieb dieses Display stoisch, zuverlässig. Wie der Vier-Uhr-Tee und der Big Ben. Kein Drama. Keine Meinung. Der wahre Grund für den Brexit.
Dennoch: Die Fingerspitzen sind keine Fingerspitzen mehr, sondern ein diffuses Gefühl, das irgendwo kurz vor dem Handgelenk endet. Die zwei Schrauben im Daumensattelgelenk müssen mittlerweile gefroren sein. Materialprüfung fürs Bundeswehrbeschaffungsamt. Nase? Bestimmt noch da. Vermutlich. Irgendwo.
Dann: das Schild.
Sankt Augustin – 4 km.
Die wohl längsten vier Kilometer meines Lebens. Kilometer, die sich dehnen, ziehen, lachen. Ich verhandle wieder. Mit mir. Mit der Zeit. Mit der Idee von Solidarität. Endlich zu Hause. Das Motorrad in die Garage geschoben. Geschoben, nicht gefahren – man will ja nichts riskieren.
Und während ich mir langsam das Gefühl in den Händen zurückerobere, denke ich:
Vielleicht ist es doch gar keine schlechte Idee, Solidarität künftig auf das Aufbringen von Stickern zu beschränken. Das ist umweltfreundlicher. Schneller. Multifunktional – man kann mehrere Sticker gleichzeitig anbringen. Man friert nicht. Man muss sich körperlich überhaupt nicht einbringen. Und hat trotzdem sein Gewissen beruhigt.
Vielleicht reicht das ja inzwischen: ein Aufkleber fürs Gewissen – und ich kann mir die nächste Arktisexpedition sparen.