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20 Jahre Rocket Forum – der Film zum Forumsjubiläum

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Ausfahrt im Regen

    • R3-alle
  • british
  • 31. Oktober 2025 um 11:37
  • british
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    • 31. Oktober 2025 um 11:37
    • #1

    Regenfahrt nach Mordor

    Letzten Donnerstag war’s endlich so weit. Nach gefühlten sechs Wochen Dauerregen, in denen selbst Frösche Schwimmhäute zwischen den Zehen entwickelt hätten, hielt ich es nicht mehr aus. Ich musste raus. Motorradfahren, egal wie. Also rauf auf die Rocket – mit dieser Mischung aus Ungeduld und Größenwahn, die man nur entwickelt, wenn man zu lange nüchtern geblieben ist. Und mit nüchtern meine ich: kein Benzin im Blut, kein Asphalt unter’m Hintern. Dass die WetterApp für den Folgetag trockenes Wetter angekündigt hatte, interessierte mich zwar, aber Vorhersagen sind eben nur Vorhersagen. 50 Prozent Regenwahrscheinlichkeit fürs Rheinland waren eben auch nur 50 Prozent. Also los!

    Kaum aus der Garage raus, fing’s natürlich an zu regnen. Logisch. Mutter Natur hat da ja so ein ganz feines Gespür für Timing. Die hat bestimmt irgendwo im Wetteramt einen Knopf mit der Aufschrift „Rainer startet jetzt – Regen an“. Fünfzehn Minuten später war ich nass wie ein Biber, aber glücklich wie einer, der gerade vergessen hat, dass er eigentlich schon zu alt für so’n Mist, also für Regenfahrten, ist.

    Das Ziel: Eine der östlichsten Kommunen im Rhein-Sieg Kreis. Oder, wie wir Eingeweihten sagen: Das Mordor des Siegtals. Ein Ort, an dem Motorradfahrer nicht etwa als Gäste, sondern als potenzielle Weltuntergangsverursacher betrachtet werden. Wenn du da mit laufendem Motor durchrollst, gucken die Einheimischen, als hättest du gerade den Louvre in Brand gesetzt. Da steht dann einer mit dem Gartenschlauch und zischt dir „böse Lärmsünder!“ hinterher, während sein eigener Rasenmäher brüllt wie ein Düsentriebwerk. Schilder in den Vorgärten mit Aufdrucken wie „Motorradfahrer - nein danke“, wie früher die Anti-Atomkraft Fanale. Streckensperrungen, riesige Plakate mit Aufschriften wie etwa „ich bin ein leiser Biker“ (mit einem attraktiven weiblichen Fotomodell als Werbeträger. Ein faltenfreies Gesicht, das Fahrtwind allenfalls vom Oberdeck der AIDA gewohnt ist) oder „unsere Gemeinde…zu schön um schnell zu fahren…“ usw. Tja, wenn man sich hier nicht willkommen fühlt, dann wo dann. Im Regen geht´s aber, da ist nicht viel Volk unterwegs.

    Ok – wer sich dort blicken lässt, weiß, worauf er sich einlässt. Ich hatte ohnehin nicht vor, Freunde zu finden. Nur den Regen zu verfluchen und mich selbst gleich mit. Gandalf hätte hier eine deutlich größere Aufgabe, als die Vernichtung von Sauron.

    Nach einer Weile bog ich über Waldbröhl und Ruppichteroth ab nach Much, der freundlichere Bruder von Mordor. Hier wird man als Motorradfahrer wenigstens noch nicht als Staatsfeind Nr. 1 behandelt – höchstens als leicht gestörter Exot mit Hang zur Selbstbestrafung. Also ab zur Tankstelle meines Vertrauens: Die Aral-Tankstelle mit Sitzmöglichkeit an diesem doppelten Kreisverkehr. Kennt hier jeder. Cappuccino, Zigarette, nasse Klamotten. Ein Look zwischen “halb ertrunkener Seemann” und “gescheiterter Actionheld”.


    Da stand ich also, tropfte dekorativ vor mich hin, inhalierte Nikotin und schaute den vorbeifahrenden Autos zu, als plötzlich ein tiefergelegter Cupra auftauchte. Tiefergelegt wie das Niveau seiner Fahrweise. Er hatte mich kurz zuvor auf der Landstraße fast von der Straße gedrängt – vermutlich aus der irrigen Annahme heraus, dass mein Motorrad ein Dekoartikel ist. Zumindest in dieser Hinsicht war er nicht ganz im Unrecht, denn eine Rocket ist nun einmal eine…..na, Ihr wisst schon. Mir war es gelungen, gelassen weiter zu fahren, er hingegen schimpfte wie ein Rohrspatz. Ein Typ steigt aus, seine Musikboxen auf Anschlag, VoKuHiLa Frisur, von der ich annahm, dass Frisöre längst diesen gepflegtesten aller Haarschnitte verlernt hatten, aggressiver Blick, selbstgefälliges Grinsen, so kam er ziemlich schnell auf mich zu – der Typ war der fleischgewordene Beweis, dass Darwin manchmal einfach aufgibt.

    Ich sagte nichts. Ich wollte einfach nur meinen Cappuccino austrinken und die Welt ignorieren. Aber er musste natürlich was sagen. Irgendwas zwischen „Du hast mich geschnitten!“ und „Mein Auto ist mehr wert als dein Leben!“ – schwer zu sagen bei dem Dialekt, aber die Botschaft war klar: Testosteron auf Abwegen. So baute er sich vor mir auf. Allein war er nicht, denn sein Zwillingsbruder postierte sich neben dem Wagen. Seine Schimpfkanonade war nicht zu überhören. Die Bezeichnung Schimpfwörter trifft es bei weitem nicht. Und mein Vokabular in Sachen Beleidigungsrhetorik hätte sich deutlich verbessert, wenn ich denn mitgeschrieben hätte.

    Ich atmete tief durch – oder so tief, wie man das kann, wenn man klatschnass ist und allmählich beginnt, leicht wütend zu werden – und überlegte gerade, ob ich mich mit Worten oder einfach durch Nichtbeachtung verteidige, als aus dem Nichts zwei Harleyfahrer auftauchten. Richtig breite Kaliber. Jeder Oberarm ein Wandteppich aus Drachen, Totenköpfen und schlecht gelaunten Engeln. Die Sorte Männer, bei der man nicht weiß, ob sie gerade von einer Rockertaufe kommen oder auf dem Weg zu einem Poesieabend sind. Aber auch solche, die einen normalerweise nicht beachten, was nicht unbedingt verkehrt sein muss.

    Die beiden hatten die Szene (beide Szenen, das geschnitten werden und der Auftritt an der Tanke) offenbar beobachtet und beschlossen, dass sie heute ein bisschen Gerechtigkeit in die Welt bringen wollten. Der Cupra-Fahrer, der eben noch großspurig mit mir diskutieren wollte, wurde plötzlich sehr kleinlaut. Ich sah, wie seine Schultern schrumpften, während die Harleys wie Richterstühle neben ihm parkten.

    „Probleme?“ fragte der eine mit einer Stimme, die klang, als käme sie direkt aus dem Auspuff.

    Der Cupra-Fahrer stotterte irgendwas von Missverständnis, Witterungsverhältnissen, Aquaplaning – kurz: von seiner eigenen Schuld. Dann stieg er mit seinem Kumpel ein und fuhr davon, so schnell, wie ein tiefergelegter Kleinwagen eben beschleunigen kann.

    Ich nickte meinen beiden Rettern dankbar zu. Der eine zog nur an seiner Zigarette, der andere grinste. „Junge, du siehst aus wie ’ne ertrunkene Katze.“

    Ich war eher sprachlos, murmelte aber noch ein eingeschüchtert wirkendes Dankeschön. Sie lachten, starteten ihre Harleys, und das sonore Donnern ihrer Motoren war wie Balsam auf meine beleidigte Seele. Ein bisschen Lärm gegen die Welt, das tut manchmal einfach gut, und ein bisschen was gegen meine Vorurteile, auch wenn ich meine, eher vorurteilsfrei durch die Gegend zu rauschen Ich trank meinen Cappuccino aus, der inzwischen nach nasser Pappe schmeckte, und dachte: Es war eine gute Ausfahrt. Nass, absurd und voller kleiner Lehrstücke über menschliches Verhalten.

    Die eine Kommune hasst uns, Much toleriert uns, und irgendwo dazwischen fährt man durch den Regen und fragt sich, ob Motorradfahren nicht doch eher eine Form von Therapie ist. Eine, die keine Ergebnisse liefert – aber wenigstens Stil hat. Und ja, vielleicht war’s dumm, bei dem Wetter rauszufahren. Aber nichts heilt die Seele besser als eine Fahrt durch den Regen, auch wenn man sich völlig zu recht fragt, ob der liebe Gott vielleicht auch Motorrad fährt – nur mit besserem Grip.

    Gruß, British

  • screwdriver
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    • 31. Oktober 2025 um 11:54
    • #2

    Mann mann ist das eine geile Story....gibt's für sowas keinen Preis ?!

    You made my day:thumbup:::thumbup::

    Gruss von Bodensee , wo gerade die Sonne scheint

  • Jogi
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    • 31. Oktober 2025 um 11:56
    • #3

    Haha, da werden mir die Harley Fahrer direkt Sympathisch!

    Aber solche Typen (mein Auto ist mehr wert als dein Leben) gehören an die Bahnlinie Adelaide -Perth zum Säubern der Gleise!

    Gruß

    Jochen

  • Ackim31
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    • 31. Oktober 2025 um 13:02
    • #4

    #british: Geil. Auch von der Schreibweise, darfst Dich nicht wundern wenn dir irgendendeine Motorradzeitschrift eine Kolumne anbietet. :thumbsup:

    #Jogi: Wenn das so ist müsste ich Dir ja doppelt sympathisch sein :bikesmiley::beifall:

    Das Leben ist zu kurz für ein Saisonkennzeichen...

  • Jogi
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    • 31. Oktober 2025 um 13:23
    • #5
    Zitat von screwdriver

    Mann mann ist das eine geile Story....gibt's für sowas keinen Preis ?!

    You made my day:thumbup:::thumbup::

    Gruss von Bodensee , wo gerade die Sonne scheint

    Leute Leute, wenn ihr wüsstet!

    Gruß

    Jochen

  • Saddlebag
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    • 31. Oktober 2025 um 14:24
    • #6

    Man braucht nur die Beiträge von Rainer in dem Thread „Unser britisch“ zu lesen und sich dann überlegen welchen Literaturpreis er bekommen sollte.

    Viele Grüße aus Köln

    Jochen

  • Rocket-Manni
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    • 31. Oktober 2025 um 16:28
    • #7

    Klasse, Rainer, zudem immer wieder sehr unterhaltsam.

    ich freue mich schon auf die Verfilmungen und späteren Auszeichnungen für dein Lebenswerk.

    Irgendwo zwischen Warner Bros, den Elstree Studios auf der Brexitinsel oder Hitchcock.

    Much ... ist hier von Köln, wo ich grad wieder für 2 Wch. bin, nicht weit weg, dort sind ehem. Arbeits u. ein Bundeswehrkamerad von mir wohnhaft, sehr schön dort.

    Weiter so 😉

    Herzögliche Grüße

    Manni

    Ich kann nicht verhindern, dass ich alt werde.

    Aber ich kann dafür sorgen, das ich Spass dabei habe :bikesmiley:.

  • british
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    • 31. Oktober 2025 um 21:48
    • #8

    Danke, Leute!

  • Jogi
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    • 1. November 2025 um 17:48
    • #9

    Der Rainer Leute der Rainer hat ja schon immer geschrieben!

    Früher allerdings immer an seine Eltern, wenn er Kohle brauchte.:totlach:

    Gruß

    Jochen

  • Micha
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    • 1. November 2025 um 18:00
    • #10
    Zitat von Jogi

    Früher allerdings immer an seine Eltern, wenn er Kohle brauchte. :totlach:

    Johann König... ;-)

    Da wo Du hinfährst, da bist Du dann auch! :bikesmiley:

  • british
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    • 1. November 2025 um 22:22
    • #11

    .

  • DiWoll
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    • 2. November 2025 um 09:47
    • #12

    In der Zeitschrift Custombike gab oder gibt es eine Rubrik die heißt "Frau Reuters Praxistest". Vielleicht kenn das ja jemand?!

    Ich hab den Schreiber geliebt. 8)

    Wenn ich es nicht wüsste, würde ich sagen das du der Schreiber von Frau Reuters bist. :beifall:

    Gruß

    Dirk


    Alle sagen das geht nicht!

    Dann kam einer der wusste das nicht und hat es einfach gemacht.

  • british
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    • 2. November 2025 um 10:39
    • #13
    Zitat von DiWoll

    In der Zeitschrift Custombike gab oder gibt es eine Rubrik die heißt "Frau Reuters Praxistest". Vielleicht kenn das ja jemand?!

    Ich hab den Schreiber geliebt. 8)

    Wenn ich es nicht wüsste, würde ich sagen das du der Schreiber von Frau Reuters bist. :beifall:

    Hallo Dirk, danke, aber zu viel der Ehre!, Der bin ich natürlich nicht, also der Mensch, der Frau Reuters schreibt. Ich habe gerade zum ersten Mal die Rubrik gelesen. Schreibt echt gut und gefällt mir vom Stil her. Es gab übrigens bis vor kurzem noch eine Zeitschrift mit Namen „Fuel“, ein Ableger der „Motorrad“. Da wurde auch jeder Test eines welchen Motorrades auch immer als episches Abenteuer mit viel Witz und Charme dargestellt. Leider ist die Zeitung mangels Finanzierbarkeit eingestellt worden.

    VG, Rainer

  • DiWoll
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    • 2. November 2025 um 11:39
    • #14

    Hab ich gerade im Netz gefunden. Meine letzte Custombike ist von 2019. Aber anscheinend schreibt er immer noch. :thumbup::

    Frau Reuters Praxistest Archive - CUSTOMBIKE

    Gruß

    Dirk


    Alle sagen das geht nicht!

    Dann kam einer der wusste das nicht und hat es einfach gemacht.

  • british
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    • 27. Januar 2026 um 12:49
    • #15

    Grönland

    Sankt Augustin. Letzten Sonntag. Ein Grad. Draußen. Geht doch. Drinnen an der Heizung sitzend wohltuende 22 Grad. Da lassen sich Pläne für ein Outdoorerlebnis schmieden. Bei einer Tasse heißen Tee und ein wenig Gebäck vom Vorjahr. Die Straßen trocken, salzfrei, sauber wie das Gewissen eines Berufspolitikers am Wahlabend. Schneiderkalt. Diese spezielle Form von Kälte, die nicht wehtut, sondern beleidigt. Ich stand in der Einfahrt, sah meinen Atem und dachte an Grönland. An Weite, Eis, Haltung. An Zeichen. Man muss ja Zeichen setzen, gerade in diesen Zeiten. Ich dachte an Trump, der vermutlich irgendwo in einer beheizten Ecke des Oval-Office sitzt und das tut, was er am besten kann: An nichts denken. Ich hingegen dachte an die frierenden Menschen in der Ukraine, an die Grönländer, die im Moment gar nicht wissen, ob sie nächstes Jahr noch einen Iglu ihr Eigen nennen dürfen und war mir ziemlich sicher: Wenn jetzt jemand Motorrad fährt, dann bin ich das. Solidarität hat viele Gesichter, meines würde in wenigen Minuten in einem Sturmhauben-Zwiebellook stecken.

    Außerdem – und das war natürlich der entscheidende Grund – waren meine Motorräder seit Wochen nicht bewegt worden. Maschinen leiden still. Und ich auch. Also Schichten. Unterwäsche, darüber etwas Vernünftiges, dann noch was Vernünftiges, darüber etwas mit Reißverschluss, darüber etwas mit Haltung. Drei Paar Handschuhe übereinander, weil nur zwei Paar ein wenig zu optimistisch gewesen wären. Helm auf, Klappe runter, Moral auf Anschlag. Ich sah aus wie ein eingemümmelter Eskimo, der sich mit seinem Hundeschlitten durchs ewige Eis schiebt, ich nur mit einem verbeulten Schuberth C3 auf der Rübe als einzigem Unterschied.

    Erster Stopp: Aral in Oberpleis. Ein Leuchtturm der Zivilisation. Der Tankwart sah mich an wie jemanden, der entweder sehr konsequent oder sehr falsch abgebogen war, oder sich vom Eisplaneten Uranus auf die Erde verirrt hatte. Ich tankte, demonstrativ länger als sonst, was aber eher an meinen eingefrorenen Gliedmaßen lag, sah in mich bemitleidende Gesichter, Augenkontakt auch etwas länger als üblich. Dass ich anfing, mein Vorhaben zu bereuen, ignorierte ich - noch. Es galt, ein Zeichen setzen. Ein Statement.

    Für was, wurde mir bei der Weiterfahrt allmählich egal, denn die Kälte setzte mir zu. Trotzdem: Weiter in Richtung Eitorf. Der Ausdruck „Zähne zusammenbeißen“ bekam für mich eine andere Bedeutung. Ich würde froh sein, wenn ich die angefrorenen und in die Jahre gekommenen Dinger noch auseinander bekäme. Die Landschaft sah aus wie immer, nur kälter, ehrlicher, ein bisschen nordisch. Die Eisberge fehlten, aber da: Kinder hatten auf einer Wiese einen Iglu gebaut! Endlich. Ein Zeichen der Solidarität. Soll noch mal jemand sagen, die Menschen im östlichen Rhein-Sieg-Kreis hätten kein Gespür für das, was in der Welt so vor sich geht.

    Der Iglu war eine misslungene Mischung aus Schneemann, Gartenhäuschen und einem ambitionierten, aber gescheiterten Architekturprojekt kurz nach dem dritten Kakao. Vermutlich hatte der Vater, wahrscheinlich ein Stadtplaner im Dienste der Gemeinde Eitorf, tatkräftig mitgeholfen. Kein Eis, kein Schnee im klassischen Sinne, eher gefrorener Matsch, festgetretene Hoffnung und das unbeirrbare Vertrauen von Kindern, dass man mit genug Wille und wenig Physik alles bauen kann

    Ich fühlte mich wie ein zweiradmotorisierter Agent des Westens auf geheimer Mission in östlichen Gefilden.

    Die Sieg entlang zurück. Romantisch. Friedlich. Ich hatte nicht bedacht, dass „Bergisches Land“ keine poetische Metapher, sondern eine geografische Drohung ist. Die Temperaturen sanken unauffällig, fast hinterhältig. Mein Bordthermometer zeigte fünf Grad an. Die vier digitalen Anzeigen an meinem Körper – Finger links, Finger rechts, Zehen links, Zehen rechts – zeigten etwas völlig anderes. Ich wusste, sie waren da, aber irgendwo zwischen „außer Betrieb“ und „Suche läuft“.

    Es war diese Phase, in der man nicht mehr friert, sondern verhandelt. Mit sich. Mit Gott. Mit der Physik. Ich versprach mir selbst, nie wieder groß über Grönland nachzudenken. Ich versprach Solidarität künftig im Warmen zu empfinden. Aber ich setzte weiter Zeichen, Kilometer für Kilometer, bis ich irgendwann wieder in Sankt Augustin ankommen sollte, so hoffte ich jedenfalls.

    Die üblich gewordenen digitalen Anzeigen an den diversen Kreditinstituten hingegen – jene kleinen volkswirtschaftlichen Orakel über den Filialtüren, die einem die Temperatur anzeigten, die Uhrzeit, das Datum, die Börsenkurse und das Körpergewicht, – zeigen irgendetwas zwischen minus eins und minus drei Grad an.

    Typisch, alle kaputt. Denn mein Bordthermometer zeigte weiter fünf Grad an. Verlässlich. Stoisch. Vertrauenswürdig wie ein Schweizer Uhrwerk mit Benzinanschluss.

    Aber immerhin: Das ist natürlich kein Versäumnis. Ich hatte die fehlerhaften digitalen Angaben unserer zuverlässigen deutschen Kreditinstitute (Gelsenkirchen ist da nur eine Ausnahme) einem ersten Impuls folgend nur falsch verstanden. Das ist Wirtschaftsförderung. Denn verwirrte Kunden kaufen mehr. „Jetzt Thermosocken im Angebot – wirken auch bei Minusgraden. Gleich kaufen, beim Action um die Ecke.“

    Wie üblich trödelt die Postbank bei der Nachrüstung mit digitalen Anzeigen ein wenig hinterher. Vor kurzem hatte die Postbank noch 150.000 Rechenschieber aus Holz in Nordkorea gekauft. Globalisierung muss ja auch Vorteile haben.Die letzten Reste heldenhaften deutschen Beamtentums, eingefroren irgendwo zwischen Durchschlagpapier und Amtsschimmel.

    Froh, dass mein Bordthermometer exakt funktioniert und offensichtlich der letzte funktionierende Sensor östlich des Rheins ist, fahre ich also weiter. Überall Autos mit „Help Ukraine“-Aufklebern, manchmal sogar kleine eingefrorene Fähnchen. Fahrstil? Vorhanden - manchmal. Moral? Wenn man so will. Aber selektiv. Wo ist Grönland? Wo Minnesota? Wo die Uiguren? Wo Taiwan? Und wo – verdammt noch mal – sind die Holländer?

    Solidarität ist wie ein Sonderangebot: zeitlich begrenzt, regional verfügbar und nur solange der Vorrat reicht.

    Ich friere weiter wie ein Schneider. Was für eine Scheißidee.

    Links und rechts sehe ich Frost an den Bäumen, diese feinen weißen Hinweise darauf, dass Naturgesetze keine politischen Debatten kennen. Mein Bordthermometer verharrt weiter unbeirrbar bei fünf Grad. Eine angelsächsische Haltung in digitaler Form. Während deutsche Banken minus zwei behaupteten, Bäume minus fünf schrien und mein Körper irgendwo bei „machen wir nicht mehr mit“ angekommen war, blieb dieses Display stoisch, zuverlässig. Wie der Vier-Uhr-Tee und der Big Ben. Kein Drama. Keine Meinung. Der wahre Grund für den Brexit.

    Dennoch: Die Fingerspitzen sind keine Fingerspitzen mehr, sondern ein diffuses Gefühl, das irgendwo kurz vor dem Handgelenk endet. Die zwei Schrauben im Daumensattelgelenk müssen mittlerweile gefroren sein. Materialprüfung fürs Bundeswehrbeschaffungsamt. Nase? Bestimmt noch da. Vermutlich. Irgendwo.

    Dann: das Schild.

    Sankt Augustin – 4 km.

    Die wohl längsten vier Kilometer meines Lebens. Kilometer, die sich dehnen, ziehen, lachen. Ich verhandle wieder. Mit mir. Mit der Zeit. Mit der Idee von Solidarität. Endlich zu Hause. Das Motorrad in die Garage geschoben. Geschoben, nicht gefahren – man will ja nichts riskieren.

    Und während ich mir langsam das Gefühl in den Händen zurückerobere, denke ich:

    Vielleicht ist es doch gar keine schlechte Idee, Solidarität künftig auf das Aufbringen von Stickern zu beschränken. Das ist umweltfreundlicher. Schneller. Multifunktional – man kann mehrere Sticker gleichzeitig anbringen. Man friert nicht. Man muss sich körperlich überhaupt nicht einbringen. Und hat trotzdem sein Gewissen beruhigt.

    Vielleicht reicht das ja inzwischen: ein Aufkleber fürs Gewissen – und ich kann mir die nächste Arktisexpedition sparen.

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